Samstag, 11. September 2010

ES GIBT DINGE, DIE UNVERMEIDBAR SIND

Ein kleines Mädchen hüpft in ihrem Sommerkleidchen gut gelaunt durch die Herbstsonne und wirft ihren rot gepunkteten Ball immer wieder in die Luft. Sie summt die Melodie eines Liedes, das sie irgendwo mal gehört hat. Auf der Straße ist sonst nichts los, sie ist ganz alleine mit ihrer Unbeschwertheit und ihrem Ball. Auf einmal sieht sie einen Schmetterling am Straßenrand entlang fliegen, der ihre Aufmerksamkeit voll und ganz raubt. Sie konzentriert sich nicht mehr auf den Ball, er fällt auf die Erde. Dem kleinen Mädchen aber ist das egal, sie läuft langsam auf den Schmetterling zu, der sich auf einer welken Blume abgesetzt hat. Mit ihren großen blauen Augen betrachtet sie das Tierchen genau und geht in die Knie, um es besser erkennen zu können.
Im selben Moment verlässt ein etwa sechzigjähriger, gebückter Mann den Supermarkt am Ende jener Straße und ist bemüht, noch rechtzeitig mit seinen zwei großen Einkaufstüten voll Makkaroni und Gemüse nach Hause zu kommen. Was er in seiner Hektik nicht wahrnimmt, ist der rote Ball, den das Mädchen verloren hatte und der jetzt still und unauffällig auf dem nassen Bordstein herumliegt. Es kommt, wie es kommen muss: Der alte Mann stolpert über den Ball und sämtliche Einkäufe verteilen sich auf dem Boden.
Am nächsten Tag erinnert nur noch eine zertretene Tomate an den gestrigen Vorfall; das Mädchen war mit seinem Ball nach Hause gerannt und der alte Herr hatte seine Einkäufe wieder aufgesammelt, allerdings hatte er diese Tomate eben übersehen. Einsam liegt sie am Straßenrand: Matschig und vergessen.
Eine Ameisenkolonie aber, die sich zufällig auf der Wiese, an dem am Vortag der kleine Schmetterling das Mädchen abgelenkt hatte, gerade einen Bau eingerichtet hatte, fand Gefallen an dem saftigen Biomüll und legte ihre Route quer über die Straße, um die Tomate abzutransportieren. Dann geschah etwas, das seit Monaten nicht mehr geschehen war: Ein großes Transportauto einer Logistikfirma fuhr die eigentlich verlassene Straße entlang, immer geradewegs auf die beschäftigte Ameisenmasse zu! Der Fahrer, zufälligerweise engagierter Tierschützer und außerdem sehr gemütlicher Mensch, bemerkte das. Er stellte das Radio ab, bremste und stieg aus. Interessiert musterte er die Ameisenstraße und war wieder mal fasziniert von den Riesenkräften, die diese kleinen Tierchen manchmal entwickelten. Da er so begeistert von den Ameisen war, beschloss er einen Umweg zu fahren. Die enorme Arbeit musste gesichert und der reibungslose Abtransport der Tomate gesichert werden.
Also kehrte der übrigens achtunddreißigjährige Logistiker um und fuhr einen großen Bogen um die Straße der Ameisen. Er tötete dabei eine Obstfliege, drei Kellerasseln, einen halben Regenwurm (ob der noch lebte oder nur zappelte, ist unklar), eine zu langsame Ameise und merkte nichts davon.
Im selben Moment  heiratete jemand, starb jemand, wurde jemand geboren, hatte jemand seinen ersten Kuss, bekam jemand Depressionen diagnostiziert, wurde jemand von Krebs geheilt, infizierte sich jemand mit HIV, lag jemand auf einer Blumenwiese, beobachtete jemand die Sterne, träumte jemand vom Schlaraffenland, erdrosselte jemand seinen Teddybär, weinte ein Baby, freute sich ein Junge über eine neue Spielkonsole, brach jemand seinen persönlichen Rekord von Tetris oder wahlweise auch Pacman, regte sich jemand über den Staat auf, hatten zwei Meerschweinchen Sex, ertrank ein Tier im pazifischen Ozean, wurde jemand begraben, hörte jemand ein Musikstück von den Beatles und es trank auch jemand einen Cappuccino mit extra viel Milch.
Quelle: Wikipedia

U N D  W E N N   D E R   M A N N   K E I N E  T O M A T E N  G E K A U F T   H Ä T T E?